Vorwort. Vor ungefähr neun Wochen:
Es ist irgendwann zwischen Sonntagabend und Montagmorgen und ich lese mal wieder auf der My-Space-Seite meiner Lieblingsband Hypocrisy herum und gräme mich darüber, dass ich sie in absehbarer Zeit nicht live sehen werde. Dann finde ich einen Link zu PAIN, der Zweitband des Sängers.
Eine Minute später tanze ich im Zimmer herum. PAIN SPIELEN, PAIN SPIELEN!!!!!
Eine Stunde später ist meine Begeisterung in intensives Grübeln umgeschlagen. Ich fürchte, es gibt da noch ein paar Probleme...
Teil I
Das erste Problem bestand darin, dass PAIN nicht in München, sondern in Bamberg spielen sollten. Man möchte nicht meinen, dass das in einem zivilisierten, erschlossenen, motorisierten Land ein unüberwindliches Hindernis darstellen soll, aber mein Lieblingsfeind Deutsche Bahn tat mal wieder alles, um mir Knüppel zwischen die Beine zu werfen.
Zwar liegt Bamberg sozialerweise in Bayern, sprich im Geltungsbereich des Bayerntickets, aber die Konzertzeiten waren absolut inkompatibel mit den Geltungszeiten der Fahrkarte. Um mit dem Bayernticket noch zurückfahren zu können, hätte ich genau fünf Minuten nach Konzertbeginn wieder in den Zug steigen müssen. Damit ich hingegen mit dem Bayernticket Night hätte zurückfahren können, hätte der erste Zug nicht erst um vier, sondern schon um viertel nach drei fahren müssen, da das Nachtticket nur bis sechs Uhr gilt. Hätte ich hingegen am nächsten Tag mit einem normalen Bayernticket zurückfahren wollen, hätte ich erst um halb zehn Uhr morgens abfahren können, weil das Bayernticket erst ab neun gilt.
Wieder einmal drohten die toten drei Stunden zwischen sechs und neun meine Pläne zu ruinieren. Drei Stunden wäre ich gerade noch vorm Bahnhofsgebäude hin und her gelatscht, acht aber mit Sicherheit nicht. Ich meine, ihr glaubt doch nicht, dass man sich unter der Woche in Bamberg in einer Kneipe durch die Nacht saufen kann? Bamberg ist eine dieser Städte, in denen alle Busse nach acht Uhr abends unter Nachtlinen fallen!
In jedem Fall aber schien das Ganze teurer zu werden, als es zunächst ausgesehen hatte, zumal die Konzertkarte selbst 40 Euro kostete, was daran lag, dass PAIN nur als Vorband zu Nightwish spielten, die bezeichnenderweise mit abnehmender Qualität immer größere Erfolge erzielen. Aber dazu später. Die Geldfrage war ein Problem, weil mein Kontostand sich zu dem Zeitpunkt auf ungefähr hundert Euro belief. Dieses Problem verlor allerdings zwei Tage später an Schärfe, weil ein Teil meines Märzgeldes eintraf. Wie gut, dass der März nur einunddreißig Tage hat...
Viel Zeit zum Überlegen blieb mir allerdings nicht mehr. Bis zum Konzert am nächsten Mittwoch war es nur noch eine Woche und wenn ich nicht bald eine Karte bestellte, würde sie nicht mehr rechtzeitig ankommen. Nachdem ich zähneknirschend beschlossen hatte, mit den Vier-Uhr-Nachtzug zu fahren und eben den regulären Preis zu zahlen, bestellte ich beim Kartenkiosk Bamberg meine Karte und...wartete.
Gleichzeitig stellte sich immer wieder die Frage, ob Kaosz auch würde mitkommen können. Da Káosz weder an PAIN noch an Nightwish übermäßig interessiert war, noch gerade übermäßig viel Geld zur Verfügung hatte, sah es für mich zunächst so aus, als würde ich alleine nach Bamberg fahren.
Dann eröffnete ich meiner Mutter meine Pläne. Ihr war dabei schon sehr unbehaglich zumute - "Was!? Ihr könnt doch nicht nachts vor dem Bahnhof rumstehen!"- als sie noch gar nicht wusste, dass ich möglicherweise würde allein fahren müssen. Als ich ihr das auseinandergesetzt hatte, war sie hellauf entsetzt. "Das geht nicht! Du kannst da nicht die ganze Nacht alleine rumhängen!" Weil sie es mir schlecht verbieten konnte, schlug sie vor, mir eine Nacht in einem Hotel zu zahlen. Das nahm ich mit einer Mischung aus Ärger über diese Einmischung und Dankbarkeit für ihre Großzügigkeit hin, als sie aber verlangte, ich solle von der Halle mit dem Taxi ins Hotel fahren und am besten schon das Taxi rufen, wenn ich "absehen könne, dass das Konzert sich dem Ende zuneige", hatte ich genug.
Ironischerweise wartete ich dann zum Schluss eine Dreiviertelstunde vor der dunklen (ähem), gefährlichen Halle...und zwar auf meine Eltern. Allerdings nicht alleine.
Als ich nämlich drei Tage später, am Sonntagnachmittag, nach Hause kam, wartete nicht nur meine Karte auf mich - sehr zu meiner Erleichterung - sondern meine Mutter eröffnete mir zudem, sie und mein Vater würden mich mit dem Auto abholen. Das sollte es auch möglich machen, dass Káosz mitkam. Ich rief sie sofort an und unterbreitete ihr diesen Vorschlag, verbunden mit dem Angebot, ihr etwas Geld zu leihen, damit sie sich an der Abendkasse noch €eine Karte kaufen konnte. Káosz nahm gerne an und so weit schien alles in Ordnung.
Als ich Sonntagabend allerdings zum hundertausendsten Mal auf die Myspace-Seite von PAIN ging, weil ich plötzlich Paranoia hatte, ich könnte alles falsch verstanden haben und in Wirklichkeit würden nur Nightwish spielen - weder auf der Karte noch auf der Seite des Veranstalters stand etwas davon, dass PAIN spielen würden - wurde ich auf einmal auf einen Kommentar aufmerksam, den irgendjemand auf ihrer Seite hinterlassen hatte: "I´m sorry about what happened to you. I kiss all your stiches." Der Kommentar war ziemlich aktuell und leicht beunruhigt fragte ich mich, ob irgendjemand aus der Band sich verletzt hatte, vielleicht sogar so sehr, dass sie die Tour abbrechen mussten. Ich ging auf die offizielle Seite von PAIN und schaute unter NEWS, aber da stand nur ein Ausschnitt aus einem Blog-Eintrag, indem es darum ging, wie der Bassist während einer Aftershow-Party über die Bar gesprungen war und sich am Arsch verletzt hatte und leicht befremdet fragte ich mich, ob sich der Verfasser oder wohl eher die Verfasserin des Kommentars darauf bezogen hatte.
Erst als ich später am Abend in einem völlig anderen Zusammenhang auf den Wikipedia-Eintrag zu PAIN ging, fand ich heraus, dass besagter Bassist mittlerweile ganz andere Verletzungen hatte - und nicht nur er. Er, der Drummer und Peter, der Sänger, waren nach einer Party in Leipzig zusammengeschlagen worden und mit Gehirnerschütterung, gebrochener Nase und Schnittwunden ins Krankenhaus gebracht worden. Als Quelle dafür war ein Artikel angegeben - der aber dummerweise auf Schwedisch war! Ich meinte, ein paar Zeilen zu verstehen, aber ich hatte absolut keine Geduld, über dem Text zu rätseln. Ich mailte Káosz den Link, in der Hoffnung, bald mehr zu erfahren.
Ich ging noch einmal auf die Seite von PAIN und fand diesmal einen Link zu ihrem Tourblog. Da fand ich eine englische Zusammenfassung dessen, worum es auch in dem Artikel ging. Sie waren in Leipzig von Unbekannten hinterrücks angegriffen worden und hatten in Folge ihrer Verletzungen ihre Show für den nächsten Tag absagen müssen. Alles weitere stand noch nicht fest.
Ich versuchte verzweifelt herauszufinden, ob sie seitdem wieder irgendwo gespielt hatten.
Das nächste Konzert nach dem, das sie abgesagt hatten, sollte - an diesem Sonntagabend stattfinden, sprich: Es musste eigentlich schon vorbei sein, denn mittlerweile war es drei Uhr morgens. Weder auf der Seite des Veranstalters, noch auf der Myspace-Seite stand allerdings, ob PAIN gespielt hatten oder nicht. Da fiel mir als letzte Möglichkeit das StudiVz ein. Es gab dort eine PAIN-Gruppe und vielleicht war von denen jemand auf dem Konzert gewesen, den ich fragen konnte. Dem war aber nicht so. Die Gruppe hatte noch nicht einmal mitgekriegt, dass PAIN zusammengeschlagen worden waren. Ich war kurz davor, zu resignieren, als mir einfiel, dass die Hauptband ja Nightwish war. Die Nightwish-Gruppe war wesentlich aktiver und von ihnen war bestimmt jemand auf dem Konzert gewesen. Tatsächlich.
Sobald ich die Gruppenseite aufrief, überschlugen sich die begeisterten Irren mit Kommentaren. Trotzdem hatten sie eine Sekunde Zeit, mir meine Frage zu beantworten, beziehungsweise: Ich musste nur sechs Minuten warten, um zu meiner Erleichterung bestätigt zu bekommen, dass PAIN gespielt hatten. Einer fügte sogar noch hinzu, die letzten zwei Songs hätten "gut gerockt". Er war auch der Einzige, der sich sehr kritisch zu Nightwish äußerte, und diese beiden Sachen zusammen trugen ihm sofort meine grenzenlose Sympathie ein.
Am nächsten Morgen fand ich dann auch eine komplette Übersetzung des Zeitungsartikels in meinem Postfach ( Danke, Káosz!!! ), die mir bestätigte, dass mehrere Ärzte dem Drummer erlaubt hatten, zu spielen und für den Notfall auch ein Ersatzdrummer zur Verfügung stand.
So war es dann auch eher Anlass zur Belustigung als zur Beunruhigung, als PAIN als nächstes zwei zutiefst genervte Blogeinträge darüber verfassten, dass sie von der Nürnberger Polizei auf Drogen untersucht und alles in allem fünf Stunden lang aufgehalten wurden. Die kleinen grünen Männchen müssen ihnen sogar Blut abgenommen haben...
Teil II
Mittwochmorgen, acht Uhr. Eine versiffte, verschlafene langhaarige Gestalt mit tiefen Schatten um die Augen torkelt aus dem Bett und stolpert in T-Shirt und Unterhosen in den Flur und - nein, wird nicht bei dem Versuch, einen Schluck Milch zu trinken, von einem Außerirdischen attackiert, sondern schlurft erst mal ins Bad, um sich selbst wieder in einen etwas menschlicheren Zustand zu bringen. Danach sind auch die letzten Überreste des gestrigen Katers unter Kontrolle und bewusste Gestalt, jetzt schon etwas weniger verschlafen und versifft, kann Káosz anrufen, um sicherzugehen, dass alles nach Plan läuft.
Das tut es. Bleiben noch knapp zwei Stunden, bis der Zug abfährt. In denen wird Proviant für die Fahrt eingekauft - Chips, Brezen und EISTEE, OH MEIN GOTT EISTEE!!!! - so ganz ist der Kater wohl doch noch nicht besiegt. Dann ist gerade noch Zeit, zu beschließen, dass ein TUSKA-Shirt fast so gut ist wie ein PAIN-Shirt, das ich leider noch nicht habe, zum tausendsten Mal zu checken, ob ich die Karte habe, diese, meinen Block, meinen Geldbeutel, meinen I-Pod und einen Kajalstift über meine Hosentaschen zu verteilen und - aus dem Haus zu gehen. So sehr hätte ich mich gar nicht beeilen müssen, denn als ich um halb elf am Hauptbahnhof angekommen bin, ein Bayernticket gekauft habe und schließlich zum Treffpunkt gegangen bin, stelle ich fest, dass ich die Erste bin - und Káosz lässt auf sich warten. Natürlich werde ich nervös, obwohl wir ebenso gut einen späteren Zug nehmen können; ich werde immer nervös, wenn ich warte. Da ich kein Handy habe ( siehe letzter Eintrag ), kann ich Káosz auch nicht erreichen.
Zum Glück werden meine Nerven nicht allzusehr strapaziert, denn gut zehn Minuten vor Abfahrt des Zuges kommt Káosz durch die Bahnhofshalle gebounced. Als allererstes hat sie allerdings schlechte Nachrichten: Sie hat ihr Handy vergessen. Das ist ihr zwar schon auf dem Weg zum Bus eingefallen, aber wenn sie zurückgelaufen wäre, hätte sie den Bus verpasst, weswegen sie erst zwei U-Bahnen später hätte nehmen können, weswegen wir den Zug verpasst hätten, was bedeutet hätte, dass ich einen Budapest-Flashback erlebe, weil sie mich ja nicht hätte anrufen können, um mich vorzuwarnen, weil ich ja kein Handy habe... Der langen Rede kurzer Sinn: Ich muss noch schnell zum Münztelefon ( zum Glück gibt es so was noch ), um meiner vermutlich erbosten Mutter mitzuteilen, dass wir kein Handy haben und somit auch nicht erreichbar sind. Ich glaube, sie denkt, ich mache das absichtlich...
Im Zug erweist sich Káosz dann aber als wahrer Gott: Sie hat die Reste vom Braten von Montag eingepackt!!! So bekomme ich heute doch noch etwas Vernünftiges zu essen. Das ist auch dringend nötig, weil wir entgegen der Fahrtrichtung sitzen und das den Überresten meines Katers, die ich nach dem Duschen eigentlich für beseitigt hielt, neuen Auftrieb gibt.
In Nürnberg müssen wir umsteigen, mit einer Stunde Aufenthalt. Das bietet uns nicht genügend Zeit für eine Shoppingtour im Underground, allerdings mehr als genug Zeit, uns darüber aufzuregen, dass die einzige Toilette im ganzen Bahnhof von McClean betrieben wird, der für einmal Pissen 1,10 Euro verlangt. Ich kann ihnen ja mal vorschlagen, jedem einen Burger gratis mit dazuzugeben, dann sind sie preislich auf McDonald´s-Niveau und haben das Mc in ihrem Namen verdient. Nein, im Ernst, wenn ich mal viel Zeit und Geld und einen guten Anwalt habe, verklage ich sie wegen Nötigung und außerdem wegen Diskriminierung von Frauen, Männer zahlen nämlich "nur" 80 Cent. Möchte mal wissen, wie viel die bezahlt haben, die ihnen ins Hirn geschissen haben!
Ein Kurztrip durch die Nürnberger Fußgängerzone heitert uns jedoch gleich wieder auf. Die Plakate für die anstehende Kommunalwahl sind hier nämlich erheblich lustiger als in München: Nicht nur, dass es eine Partei gibt, die sich "Die Guten" nennt; sie fordert auch noch den Erhalt und Ausbau des örtlichen Plane(t)ariums, was alle unsere Vermutungen bezüglich einer weltweiten South-Park´schen Astronomenverschwörung ( die natürlich mit den Aliens im Bunde sind, für die Earth nur eine Reality-Show ist ) und der geheimnisvollen Städtepartnerschaften zwischen Deutschland und Colorado bestätigt.
Nach einiger Verwirrung um unseren Anschlusszug ( "ist das jetzt wirklich der Richtige?" ), ergattern wir - dummerweise wieder nur Plätze in Gegenfahrtrichtung, was unserem wieder erstarkenden und völlig unangemessenen Day-after-the-day-after-the-party-Kater überhaupt nicht gut tut. Wenigstens dauert die Fahrt nicht lange und schwupps stehen wir plötzlich in Bamberg auf dem Bahnhof.
Da ich schon mehr als genug Gelegenheit hatte, mir das Städtchen auf Google-maps anzuschauen, weiß ich auch ziemlich genau, wo wir hinmüssen. Staunend taumeln wir durch die engen, schiefen Gässchen dieser Weltstadt und stellen fest, dass jede, wirklich jede andere Stadt, selbst wenn sie als von historisch und kulturell überragender Bedeutung angepriesen wird, mehr Gutter-Trash-Charme hat als München.
Irgendwo an einer Brücke versagen dann jedoch meine Ortskenntnisse und nur mithilfe eines mehr oder minder übersichtlichen Stadtplans, der freundlicherweise am ZOB, was auch immer das O zwischen Zentral und Busbahnhof bedeuten soll, aushängt, schaffen wir es, zum Touristenzentrum zu finden, das sinnvollerweise genau in der Mitte dieses Gässchengewirrs liegt. Dort erhalten wir immerhin einen kostenlosen Stadtplan und setzen uns erst mal auf eine kleine Bank am Fluß mit Blick auf das schwimmende Rathaus. Leider verschandeln wir die Aussicht, in dem wir unsere schwachen Mägen erstmal mit Chips füttern. Wenigstens die muss ich nicht mehr mit mir rumschleppen.
Als wir weiteres Rumsitzen nicht mehr rechtfertigen können und uns im Übrigen langsam kalt wird, machen wir uns auf den Weg zur Kathedrale auf dem Hügel Golgotha oder wie auch immer die Erhebung heißt, die wir hinaufkeuchen. Dabei laufen uns die ersten und einzigen drei Metaller über den Weg, die wir auf während unseres Aufenthalts in der Bamberger Innenstadt sehen werden.
Nachdem wir den Hügel wieder hinabgestiegen sind, laufen wir noch ungefähr zehntausend Mal am schwimmenden Rathaus vorbei, beneiden die Häftlinge der Jugendvollzugsanstalt Bamberg um die zentrale Lage ihres Domizils und den schönen Blick über den Fluß, trinken an einer windigen Bushaltestelle den Eistee aus, so dass ich endlich den Beutel in die Hosentasche stecken kann und finden schließlich nach der O2-Laden-Methode ein gemütliches kleines Cafe, in dem wir die restliche Stunde absitzen werden, bis wir uns auf den Weg zum Bus machen müssen.
Was uns jedoch allmählich ein wenig beunruhigt, ist der auffällige Mangel an Metallern. Richtiger Tag? Richtige Stadt? Ich hatte ja nicht gerade erwartet, mit Káosz noch ein bisschen über einen spontan eingerichteten Mittelaltermarkt zu streifen und mit fünfzehn neuen Bekannten um einen Kessel heißen Met zu tanzen, aber langsam fragen wir uns, ob PAIN uns ein kleines Privatkonzert für zwei werden liefern müssen. Was wirklich hinter diesem Mangel an Metallern steckt, wird uns klar, als wir die ersten Töne von Nightwish hören, aber dazu später mehr.
Durch die nunmehr dunklen Gassen Bambergs eilen wir zur Marienbrücke, wo sich - laut meinen Nachforschungen - eine Haltestelle der Linie befinden muss, mit der wir zur Jako-Arena kommen. Aber sie ist nicht da.
Weder vor der Brücke. Noch nach der Brücke. Noch auf der Brücke. Im Fluß schauen wir nicht nach, wir haben uns an die örtlichen Kuriositäten noch nicht so weit gewöhnt, dass wir von schwimmenden Haltestellen ausgehen. Stattdessen fragen wir eine der wenigen Passantinnen, die zwar zuerst davon auszugehen scheint, dass ich sie um Geld anschnorren oder womöglich gleich ausrauben will, uns dann aber sehr freundlich erklärt, dass die Haltestelle in einer Querstraße gleich hinter der Brücke liegt, der Bus müsste in sieben Minuten kommen.
Erleichtert, aber trotzdem ungeduldig stehen wir an der Haltestelle und warten auf den Bus.
Aber er kommt nicht. Wir haben keine Uhr und die Tatsache, dass wir beide außerordentlich dringend aufs Klo müssen könnte auf fünf Minuten warten schon mal zehn machen, aber ein weiterer Passant bestätigt, dass wir schon seit knapp einer Viertelstunde warten. Gefühlte zwanzig Minuten später schimmern grüne Lichter in der Ferne auf. Ein Bus?
Im Bus finden sich auch endlich ein paar von den Metallern, die wir heute in der Innenstadt vermisst haben. Vor der Jako-Arena sind dann sogar längere Schlangen, als uns lieb sein kann, denn mittlerweile müssen wir so dringend, dass wir sogar zu McClean gehen würden.
Aber ausnahmsweise ist das Glück uns hold: Erst verkauft uns jemand eine überschüssige Karte, sodass wir es uns sparen können, uns an der Abendkasse anzustellen, und dann beschließen wir, einmal an der langen Schlange vor dem Eingang vorbeizugehen... und tatsächlich: Gleich daneben befindet sich eine Schlange, die vielleicht nur ein Fünftel so lang ist. Natürlich glauben wir nicht an dieses Glück. Das muss ein VIP-Eingang sein! Wir nehmen das Risiko, mit Schimpf und Schande zurück zu den Normalsterblichen geschickt zu werden, auf uns und reihen uns ein. Als wir fünf Minuten später im Foyer stehen und nach einem Klo Ausschau halten, können wir noch nicht so ganz glauben, dass das einzige Elitekriterium dieser Schlange war, dass man schlau genug sein musste, sie zu finden.
Wir haben gerade noch genug Zeit, aufs Klo zu gehen, unsere Jacken und Sweatshirts an der Garderobe abzugeben, ein Stück Pizza zu essen und uns Bandshirts und einen Becher Cola zu kaufen und dann gleich noch mal aufs Klo zu gehen, und uns anschließend in der Konzerthalle irgendwo in die ersten zehn Reihen zu quetschen, bis die Lichter ausgehen und - den Geräuschen nach zu urteilen - ein UFO Peters Blumenbeete zerquetscht.
Davon, dass PAIN fünf Tage vorher noch im Krankenhaus waren, merkt man nichts. Im Gegensatz zu Tuomas haben sie das Headbangen nicht verlernt und abgesehen davon, dass der Gig viel zu kurz ist - was allerdings wohl nichts mit der Prügelei zu tun hatte - ist alles perfekt. Es gelingt mir neben dem ganzen Headbangen, Auf-und-ab-Wippen-und-versuchen-etwas-zu-sehen und mich freuen sogar, eine nahezu komplette Setlist mitzuschreiben, trotz fehlender Ansagen.
Und nach der wie bereits erwähnt viel zu kurzen halben Stunde bin ich viel zu froh, dass überhaupt alles geklappt hat, als dass ich traurig sein könnte, dass es schon vorbei ist.
Das Einzige, was extrem gestört hat, waren die Typen hinter uns, die wohl noch nie davon gehört haben, dass man bei einem Metal-Konzert Haare ins Gesicht kriegen kann. Leute, wenn euch das stört, bestellt einen Rangplatz!
Die Fans sind sowieso etwas merkwürdig. Nicht nur, dass Káosz und ich die Einzigen sind, die PAIN-Shirts tragen - fast alle anderen tragen Dark-Passion-Play-Shirts, was ganz unwillkürlich den Eindruck erweckt, dass sie nicht nur keine anderen Metalbands kennen, sondern wahrscheinlich noch nie davon gehört haben, dass Nightwish auch andere, sprich bessere Alben als DPP veröffentlicht haben. Der angewiderte Ernst, mit dem die Fans unsere Schlacht um eine Haarbürste verfolgen, legt dann auch nahe, dass sie privat entweder Kylie Minogue oder Mayhem hören.
Als dann das Licht ausgeht und die ersten Töne von "Bye-bye, beautiful", einer ressentimentgeladenen, von Selbstmitleid triefenden Anklageschrift gegen die frühere Sängerin Tarja, erklingen, und insbesondere als Anette, die neue Sängerin, ihr zartes Popstimmchen ins Mikrofon quäken lässt, wird uns schlagartig klar, dass wir vermutlich nicht von Black Metalern, sondern von Mainstream-Leuten umgeben sind - und uns wird klar, warum heute in der Stadt überhaupt so wenig Metaller unterwegs waren: Sobald das Nightwish Konzert angekündigt wurde, sind sie HALS ÜBER KOPF GEFLOHEN!!!! Uns bleibt nur, Anettes Gequietsche mit Dani-Filth-likem Entsetzensgeschrei zu übertönen.
Zwischen den breigen, schwammigen, irgendlichen Orchesterpopsongs, aus denen im Kern das neue Nightwish besteht, kommen ein paar gute alte Stücke, die uns das ganze Ausmaß der Katastrophe vor Augen führen: Anette singt Wishmaster. Der musikalische Super-GAU meines Lebens. Danach erscheint selbst ihre Version von Wish I had an Angel wie eine Gnade. Wer das alte Nightwish nie kennengelernt hat, und wer nie Zeuge von dessen Verstümmelung geworden ist, der kann den Horror nicht verstehen, der aus diesen Worten spricht. Anette. singt. Wishmaster. Stellen Sie sich vor, Britney Spears würde sich als Opernsängerin versuchen. Vielleicht hilft das, mein Entsetzen zu verdeutlichen.
Glücklicherweise war dieser Song der Vorletzte, sodass wir bald darauf unsere Mäntel holen und ins Freie wanken konnten.
Dort hielten wir angestrengt nach meinen Eltern - und vielleicht auch ein wenig nach dem Backstage-Eingang - Ausschau. Wir hatten keinen festen Treffpunkt vereinbaren können, weil niemand von uns gewusst hatte, wie es vor der Halle aussah. Natürlich gab es mehrere Parkplätze und mehrere Aufgänge zum Halleneingang.
Irgendwann entdeckte ich neben meinem Beobachtungsposten -ein Münztelefon. Ich fischte etwas Kleingeld aus meiner Hosentasche und rief meine Mutter auf dem Handy an.
"Wo seid ihr?" fragte ich sobald sie abnahm, vielleicht etwas schroff, aber das Telefon piepte schon jetzt nach mehr Geld und mehr hatte ich nicht.
"Kurz nach Nürnberg!" antwortete meine Mutter.
"Wann seid ihr da?" fragte ich knapp.
"Ach, ist das Konzert schon aus?"
JA! JAAAA, VERDAMMT, SONST WÜRDE ICH NICHT ANRUFEN, WEIL ICH DANN DRINNEN WÄRE UND GAR NICHT WÜSSTE, DASS IHR NOCH NICHT DA SEID!!!!! UND IM ÜBRIGEN HABE ICH KAUM NOCH GELD, SAG MIR EINFACH, WIE LANGE IHR NOCH BRAUCHT!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
"Ja. Wann seid ihr denn da?"
"Moment." Im Hintergrund: "Du, wie lange brauchen wir denn noch?" "Dreiviertel Stunde." "Dreiviertel Stunde?" Zu mir: "Also eine dreiviertel Stunde."
"Okay, wir treffen uns...." piep piep piep "...VOR DEN TREPPEN, DIE DIREKT ZUM HAUPTEINGANG DER HALLE FÜHREN, OKAY???"
"Ähm, okay, ähm, wie genau, ähm?"
"DAS FINDET IHR SCHON, ICH HAB KEIN GELD MEHR! ES GIBT NUR EINEN GROSSEN EINGANG!!!"
"Okay."
piep
Blieb also eine Dreiviertelstunde Zeit, den Backstage Eingang zu suchen und sinnlos mit ein paar Nightwish-Fans davor zu stehen und den Roadies beim Einpacken zuzuschauen. Das war uns schon nach etwa zwanzig Minuten langweilig und wir schleppten uns zurück zum Haupteingang, um zu sehen, ob nicht vielleicht doch schon mehr Zeit vergangen war oder meine Eltern doch früher kamen.
Dort bot sich uns dasselbe Bild und wir waren schon kurz davor, unsere Hilfe anzubieten, einfach, um irgendetwas zu tun zu haben, als schließlich doch noch ein dunkelgrüner Opel auf den Parkplatz einbog.
Semmeln, Eistee und Musik konnten uns nicht lange wach halten und als ich die Augen wieder aufmachte war es drei Uhr nachts und wir hielten gerade vor unserem Haus. Die seltsamen Bilder, die ich halb im Schlaf auf der Fahrt wahrgenommen hatte - Sternschnuppen? Der rote Mond? Eine brennende Fabrik? - schwirrten mir noch eine Weile im Kopf herum, doch bald schlief ich weiter, diesmal auf der Couch im Wohnzimmer neben Káosz. Uns stand ein langer, anstrengender Arbeitstag bevor, ohne Augenringbonus für guten Musikgeschmack.